Das Zentrum von Eltern für behinderte Kinder „Hoffnungsinsel“ in Twer/Russische Förderation

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eingestellt am 5.5.25

The Russians love their children, too!

Foto von unbekannt: Kinder während einer Sommerfreizeit in der Nähe von Twer im Jahr 1999

Vorab – und anlässlich der neuen Spaltung Europas seit Februar 2022:

Eines ist, um mit Sting zu sprechen, gewiss: The Russian love their children, too! Das durfte ich in einem Kontakt mit einem Zentrum in Twer zwischen 1996 und 2002 selbst erleben.

Twer ist eine Stadt mit etwa 500.000 Einwohnern, die zwischen Moskau und St. Petersburg gelegen ist, und in der Sowjetzeit Kalinin hieß.

Dass die Russen mit ihrer oft so herzlichen Seele und ihrem großen Herzen, ihre Kinder ebenfalls lieben, ist völlig unbestreitbar! Zu fragen ist lediglich, ob die derzeitigen Machthaber Russlands, also das Putin-Regime auch die Kinder anderer russischer Eltern – wenn schon nicht „lieben“, so wenigstens „achten“ und „wertschätzen“, oder lediglich als Spielfiguren und „Kanonenfutter“ zur Erreichung ihrer geopolitischen Gelüste ansehen?

Wie kam ich in Kontakt zur „Hoffnungsinsel“?

Etwa Ende 1996/Anfang 1997 reiste der Behindertenfachmann Johannes Roloff aus Straelen nach Twer, um sich im Zentrum „Hoffnungsinsel“ dort einige behinderte Kinder und ihre Behinderungsformen anzusehen sowie sich nach erfolgter Diagnose mit dem Personal des Zentrums sowie anderem therapeutischen Personal in der Stadt Twer auszutauschen.

Er kam voller intensiver Eindrücke über das Zentrum zurück. Dieses war von einer Elterninitiative behinderter Kinder in einem von der Stadt zur Verfügung gestellten Gebäude gegründet worden. Die Eltern hatten das Gebäude in Eigenarbeit renoviert. Johannes fragte den Marburger Verein Terra Tech Förderprojekte e.V., ob dieser das Zentrum nicht unterstützen könne.

Foto: Stefan Hagelüken: Das Gebäude des Zentrums im Jahr 1997

Na und – was machen wir nun?

Aus dieser Anfrage entstand ab 1997 eine intensive Zusammenarbeit des Zentrums für behinderte Kinder („Hoffnungsinsel“) mit des Verein Terra Tech, Als Projektleiter und später Geschäftsführer von Terra Tech besuchte ich das Zentrum in Twer zwischen 1997 und 2002 jährlich etwa zweimal.

Komponenten dieser Kooperation während meiner Zeit waren:

Ausbildung behinderter Jugendlicher im Metall- und Holzhandwerk

1997-1999: ein von der EU im Rahmen des Programmes TACIS-LIEN gefördertes Projekt, in dessen Rahmen je eine Holz- und eine Metallwerkstatt für behinderte Jugendliche ausgerüstet wurde. Anschließend wurden zwei Gruppen behinderter Jugendlicher von russischen Meistern mit Unterstützung zweier Meister mit Erfahrungen in deutschen Behindertenwerkstätten im Metall- bzw. im Holzhandwerk ausgebildet. Des weiteren wurde eine Orientierungsreise russischer Fachkräfte des Zentrums in deutsche Behindertenwerkstätten in der Region Marburg sowie am Niederrhein organisiert.

Die Ausbildung beinhaltete auch eine Abschlussprüfung mit einer theoretischen Prüfung sowie der Herstellung eines Werkstücks, das der Prüfungskommission bestehend aus den Ausbildern und Repräsentanten der lokalen Industrie- und Handelskammer vorgelegt wurde.

Natürlich wurde der Abschluss der Ausbildung auch gebührend gefeiert. Bei dieser Feier wurde den Jugendlichen eine Abschlussurkunde übergeben. Die Jugendlichen strahlten, da sie sich vermutlich erstmals in ihrem Leben wirklich wertgeschätzt fühlten, und in Form des jeweiligen Werkstückes einen eigenen Beitrag zur Ausstattung Ihres Elternhauses beigetragen hatten.

Eines der während der Ausbildung und unter Anleitung des russischen Meisters gefertigtes Werkstücke. Andere Jugendliche fertigten einen Schemel, ein Regal oder einen großen Holzhammer.

Die Jugendliche waren mit sehr viel Ernst, Konzentration und Freude bei der Sache (Foto: StH)

Der Glanz in den Augen der Jugendlichen bei der Feier ist kaum zu beschreiben – den muss man erlebt haben! Auf jeden Fall war jedem der Jugendlichen die Freude an der absolvierten Ausbildung und ihr Stolz auf den Erfolg anzumerken. Die Abschlussfeier mit Zeugnisübergabe war offensichtlich ein ganz besonderer Tag in ihrem Leben.

Einige der Jugendlichen konnten nach bestandener Prüfung an lokale Betriebe vermittelt werden, so dass sie zum Lebensunterhalt ihrer Familien beitragen konnten. Andere blieben mit den russischen Ausbildern weiterhin im Zentrum, um Möbel und Therapiegeräte für das Zentrum herzustellen.

Nach dem von der EU finanzierten Projekt stellte sich die Frage, wie die Fachkräfte und Institutionen in Twer künftig selbständiger Projekte planen und umsetzen könnten.

Workshop zur Projektplanung

Eine Arbeitsgruppe während des Workshops im Jahr 2000 in Twer. (Foto: StH)

Hierzu gelang es uns, Gelder von der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes zu erhalten, mit deren Hilfe wir einen Workshop mit pädagogischen, administrativen und medizinischen Fachkräften aus dem Oblast (Verwaltungsregion) Twer durchführen konnten, bei dem die Teilnehmenden Methoden und das Vorgehen bei der Identifikation von Bedürfnissen und der Planung von entsprechenden Maßnahmen erlernten.

Aus diesem Workshop ergaben sich weitere Ideen, die in den folgenden Jahren dank unterschiedlicher Finanzierungsinstrumente umgesetzt werden konnten:

Weitere Ausbildungen mit behinderten Jugendlichen

Nach den sehr positiven Erfahrungen mit den ersten beiden Ausbildungsgängen begannen wir mit Förderung der Aktion Mensch zwei weitere Ausbildungsgänge: eine Nähgruppe und eine Computerklasse, für die wir gebrauchte, aber funktionsfähige Gerätschaften mit Zubehör aus Deutschland dem Zentrum zur Verfügung stellten:

Auch für diese Ausbildungsgruppe wurde eine russische Fachkraft gefunden. Die Jugendlichen fertigten u.a, Stofftiere aus Stoffresten.

Ein großer Elefant wurde mir für meinen Sohn übergeben. Der Transport per Flugzeug nach Deutschland war ein wenig herausfordernd, doch begleitete der Stoffelefant dann die erste Jahre meines Sohnes.

Gewächshaus

Mit Mitteln der Stiftung Sternstunden des Bayrischen Rundfunks konnten wir ein Gewächshaus auf dem Gelände des Zentrums errichten, in dem behinderte Jugendliche theoretisch und praktisch im Gemüse- und Kräuteranbau ausgebildet wurden. Die erzeugten Salate, Gurken, Tomaten und Kräuter wurden für die Ernährung der Kinder beim Mittagessen eingesetzt.

theoretische Ausbildung in Gemüsebau und Pflanzenkunde

sowie deren praktische Anwendung

Sommerfreizeit für behinderte Jugendliche

Mit Hilfe von Spendengeldern konnte für eine Gruppe behinderter Jugendlicher eine Sommerfreizeit im Waldgebiet bei Twer organisiert und angeboten werden.

für einige der Kinder war es der erste Urlaub in ihrem Leben Foto: von unbekannt)

Inklusionsklasse

Dank des Kontakte und des Engagements des Direktors des Zentrums und der Offenheit der Direktion und der Lehrendenschaft einer der Schulen in Twer gelang es uns, einige behinderte Kinder in eine Regelklasse dieser Schule in Twer einzuschulen.

drei der aus dem Zentrum stammenden Schülerinnen, die in die erste Klasse der Regelschule aufgenommen wurden (Foto: StH)

Im Rahmen dieses Projektes reisten auch drei Lehrkräfte aus Tver zu einer Anregungsreise für Inklusion und Unterrichtsgestaltung nach Mittelhessen, wo sie einige Institutionen wie die Blindenstudienanstalt in Marburg besuchten, und Anregungen u.a. zur Herstellung von Unterrichtsmaterialien erhielten.

Einige (persönliche) Schlussbemerkungen

Ich danke den Mitarbeitenden des Zentrum, den Eltern und insbesondere den Kindern des Zentrums in Twer für die sehr beeindruckenden Einblicke in ihr Leben, ihren Alltag – und soweit mit Übersetzung möglich – in ihre Ängste und Hoffnungen.

Russland war damals zu Beginn meiner Besuche noch ein anderes Land und erst ab 1999 erlebte ich gewisse Veränderungen:

Eine war, dass Vladimir Putin 1999 an die Macht kam, und auf z.B. die Gouverneurswahl in Twer direkten Einfluss zu nehmen suchte, indem er den ihm genehmen und schließlich siegreichen Kandidaten unterstütze.

Ironie der Geschichte ist, dass dieser Kandidat mich während seines Wahlkampfes zum Gespräch bat, in dem er mich aufforderte, „meine guten Kontakte zur EU“ zu nutzen, um die Finanzierung weiterer Projekte in Twer zu ermöglichen. Meine Erläuterungen des Prozesses von Projektbeantragung und -finanzierung sowie die Beteuerung meiner fast vollständigen Macht- und Einflusslosigkeit in dieser Hinsicht stießen auf taube, und offensichtlich verschlossene, Ohren:

Wenige Tage nach unserem Treffen berichteten mir meine Partner im Zentrum, der Kandidat habe in den örtlichen Medien verlauten lassen, durch seine hervorragenden Kontakte zur EU werde es bald weitere Hilfsprojekte in Twer mit Finanzierung der EU geben.

So ändern sich die Zeiten: Ich fürchte, in heutiger Zeit würden das Zentrum, seine Mitarbeitenden und die Elterninitiative als „Ausländische Agenten“ verunglimpft, und der Mitteltransfer für solche Projekte wäre – wenn nicht völlig unmöglich, so doch zumindest mehr als herausfordernd.

Ein anderes Erlebnis hatte mit dem zweiten Tschetschenienkrieg ab Herbst 1999 zu tun. Sicher aufgrund der auch damals bereits recht einseitigen Berichterstattung standen meine russischen Partner völlig hinter diesem Krieg, bei dem die Millionenstadt Grosny zerbombt und ihre Einwohnerschaft massenhaft getötet oder verwundet wurde.

Es wurde berichtet, dass russische Offiziere den Tschetschenen Waffen und Munition verkauften, mit denen die russischen Soldaten anschließend angegriffen und bekämpft wurden.

Auch erhielt ich durch Berichte und Erzählungen meiner Partner in Twer Einblick in die unmenschliche und völlig schikanöse Behandlung junger russischer Wehrpflichtiger, bis sie selbst lange genug dabei waren, um neue Wehrpflichtige zu quälen.

Sicher möchte ich in keiner Armee und schon gar nicht im Krieg „Dienst tun müssen“, aber die (westlichen) Armeen scheinen gemäß dieser Schilderungen sehr „human“ zu sein.

Die Eltern der gequälten und damals in Tschetschenien oder heute in der Ukraine verheizten Jugendlichen lieben ganz bestimmt auch ihre Kinder – und jeder Tote im Krieg – egal auf welcher Seite – ist ein Opfer zu viel!

Bleibt nur die Frage, wie Kriege am Besten beendet oder – besser noch – in Zukunft verhindert werden können? Und hier habe ich meine persönliche Meinung seit der Großdemo auf der Bonner Hofgartenwiese (LEIDER!!!) ändern müssen.

Nicht zuletzt frage ich mich, wie viele der damals Jugendlichen möglicherweise in den letzten gut 3 Jahren vom Regime Putin in die Ukraine geschickt wurden, und dort möglicherweise traumatisiert, verwundet oder getötet wurden?

Am Ende geht es immer und überall um Menschen, von denen ich einige in beeindruckender Weise kennenlernen und erleben durfte!

Und nicht zuletzt durfte ich erleben, dass Projekte der Entwicklungszusammenarbeit tatsächlich einen sehr positiven Einfluss auf das konkrete und tägliche Leben von Menschen haben können!

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