eingestellt am 9.9.24
Das fragte auch ich mich Ende 1991/ Anfang 1992 – wenn auch nicht bezogen auf Deutschland:
Ich arbeitete damals für eine internationale Hilfsorganisation im Süd-Sudan. Zehntausende Süd-Sudanesen waren vor dem Bürgerkrieg im Sudan in das Nachbarland Äthiopien – nicht etwa nach Deutschland – geflohen
Nach dem Sturz des äthiopischen Diktators Mengistu im Jahr 1991 wurden diese Flüchtlinge erneut vertrieben.
Zunächst kamen Zehntausende dieser Männer, Frauen und Kinder in das direkt hinter den äthiopisch-sudanesische Grenze gelegenen Ort Pochalla, der ursprünglich wenige tausend Bewohnernde gehabt hatte.
Nachdem sich all diese Menschen zunächst von allem irgendwie Essbaren, wie Blättern, Rinde und Wurzeln ernährt hatten, begann die internationale Hilfsgemeinschaft eine großangelegte Nothilfe mit Nahrungsmitteln und Planen, Zelten und Decken sowie Haushaltsgüter wie Wasserkanister, Töpfe, Geschirr und Besteck.
Dennoch konnten diese gut 50.-70.000 Menschen nicht dauerhaft in diesem kleinen Ort versorgt werden, und so wurde die Rückführung der intern Vertriebenen in ihre jeweiligen Herkunftsgebiete, z.B, nach Leer am Nil, nach Kapoeta oder Nasir geplant. Wir richteten provisorische Durchgangsstation-en ein, in denen wir den über hunderte von km wandernden Menschen Wasser, Nahrung und rudimentäre Gesundheitshilfe zu bieten versuchten.
Einige Zeit später erwartete ich jene Menschen, die aus Leer stammten, ebendort. Sie kamen auch, und ich wunderte mich bei deren Registrierung, warum sie fast alle zwischen 15 und 50 Jahren alt waren, und Kinder und alte Menschen fast vollständig fehlten. Auf meine Frage hin wurde ich über den Grund aufgeklärt: Die zu jungen und zu alten Menschen hatten den strapaziösen, mehrwöchigen Fußmarsch schlicht NICHT ÜBERLEBT!!!
Dies sollte auch jenen Menschen erläutert werden, die, wie bei der Diskussion „Kontrovers“ am 9.9.24 im Deutschlandfunk sich über das Alter der in Deutschland ankommenden Flüchtlinge wundern, und im gleichen Atemzug meinen, die „wirklich Bedürftigen“ wie Kinder, Alte und Frauen, kämen doch überhaupt nicht. Hiermit wollen sie vermutlich andeuten, dass die aktuelle Asylpraxis an den wirklich Bedürftigen doch vorbeigehe .
Nun all jenen, die diese oder ähnliche Fragen stellen, sei ins Gedächtnis (und Gewissen!) gerufen: Manchmal ist die Erklärung ebenso einfach wie brutal – und die Lösung eben mal wieder nicht „einfach“!

Foto: Stefan Hagelüken: Busstation in Kampala (1994)


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